Tine goes Gemeinschaftsschule – for real

Irgendwie bin ich mehr angekommen im Leben einer Lehrerin als ich es vor dem Referendariat vermutet habe. Meine Promotion ist zu einer Fernbeziehung geworden, die ich in den Ferien sehe. Gerade sind die Sommerferien wieder vorbei und in diesen sechs Wochen sind wir uns wieder näher gekommen, haben angefangen darüber zu diskutieren, was wir denn eigentlich gemacht haben und welche Relevanz unser Vorhaben hat. Es ging also um die großen Zusammenhänge. Nun mussten wir uns leider wieder trennen und ich vermisse sie schon ein bisschen.

Aber im Gegensatz zu anderen Dingen in meinem Leben, konnte ich meine Promotion in eine große Kiste packen und mit nach Tübingen umziehen. Jetzt leben und arbeiten ich daran einfach in einer anderen Bibliothek und kaufe Club Mate in der Mittagspause an einem anderen Kiosk. Oder aber in meinem kleinen Arbeitszimmer unterm Dach einer WG in Tübingen. Sie ist zwar immer dabei, aber leider habe ich wenig Zeit für sie und mir fehlt meine treue menschliche Begleiterin dazu, deren Dissertation ebenfalls ein Ferienprojekt geworden ist.

Schon während dem Referendariat und lange bevor das Bewerbungsverfahren für die Stellen angefangen hat, habe ich lange und immer wieder überlegt, was ich denn jetzt eigentlich machen will und mir dabei viele Fragen gestellt.

Schule oder Wissenschaft? Und wenn Schule, dann wo und wie? Wissenschaft, Hochschule oder doch etwas ganz anderes? Vielleicht doch in der irgendwo in der Wirtschaft?

Da es nicht mehr die Zeit ist in der Mathelehrerinnen mit beliebigem Zweitfach händeringend gesucht werden (oder mir das Seminar zumindest genügend Angst mit den Worten „Mobilität und Flexibilität“ gemacht hat), habe ich früh angefangen wieder über den Tellerrand zu schauen und überlegt was es da noch so gibt. Da die Promotion noch nicht abgeschlossen ist, fielen viele Stellen in der Hochschule aus. Außerdem habe ich festgestellt, dass ich doch mehr Planungssicherheit brauche und schon im Dezember kribbelten die Füße, dass ich nicht wusste wo und ob ich ab September überhaupt Arbeit haben werden. Stellen an den Hochschulen werden oft kurzfristiger vergeben als es mir lieb ist und zudem würde ich dann zwei oder drei Jahre später wieder mit den selben kribbelnden Füßen da stehen. Auch wenn ich die Arbeit an der Hochschule sehr mag… irgendwie war der Wunsch nach einer festen Stelle und besserer Bezahlung doch größer. Nach zehn Jahre studieren und lernen will ich auch mal das Gefühl haben Geld zu verdienen mit dem ich nicht nur gut über die Runden komme, sondern mir damit auch ein viel zu teures Fahrrad leisten zu können ohne dafür zwei Jahre zu sparen.

Also habe ich ab Dezember wieder lauter Luftballons steigen lassen und geschaut was passiert. Zunächst (im Dezember) in Richtung Internate, deren Antwort kam aber so spät (im Mai), dass es scheinbar dafür jetzt nicht dir richtige Zeit war. Die Stellenausschreibungen des Landes an Gymnasien kamen recht schnell ohne Einladung zu Vorstellungsgesprächen zurück. Meine Noten waren für sie scheinbar wichtiger als mein Vita – und diese konnten nicht überzeugen. Ich finde es schade, dass viele Gymnasien doch lieber den Einser Kandidaten mit Fokus auf seine Fächer bevorzugen als jemand der sich mehr für Schule und Bildung interessiert und damit einen andern Blick auf diese Institution hat. Ein anderes Gefühl hatte ich bei einem Vorstellungsgesprächen an einer Gemeinschaftsschule. Als ich die Stellenausschreibung las, dachte ich: oh ja, das wäre etwas für mich – war zunächst recht aufgeregt und fest entschlossen mich zu bewerben. Mein kurzer Ausflug an eine Gemeinschaftsschule hatte mich bestätigt, dass so etwas eine Schule für mich sein könnte, aber eben auch nicht an jeder Schule und unter allen Umständen. Die Schule in Tübingen wollte ich mir anschauen und im Bewerbungsgespräch hatte ich das Gefühl, dass hier Schule anders verstanden wird als ich es von anderen Schulen gewöhnt bin. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass hier mehr Raum (und die Größe) für die vielen Ideen sind, die ich gerne ausprobieren würde und vielleicht auch wieder ein Umfeld wie an der PH, an dem man gerne experimentiert. Eine Gemeinschaftsschule – raus aus meinem Nest in Heidelberg (ich bin ja flexible und mobil…) Ich wollte lieber irgendwohin gehen und mich dafür entscheiden, als im Juni einen Brief zu bekommen, der mich an eine beliebige Schule (womöglich doch in der Provinz) zuteilt. Meine eigene Entscheidung war mir wichtiger als eine Zuteilung, die dem Lottospielen gleicht.

Als das Angebot kam, musste ich dennoch lange überlegen, weil ich nicht wirklich wusste welche kurz- oder langfristigen Folgen dieser Wechsel hat. Viele Telefonate mit Freunden und Kollegen haben mir bei der Entscheidung geholfen. In meinen Ohren klang aber auch oft: Da kommst du nicht wieder weg. So richtig will sich das RP auch nicht festlegen, ob ein Wechsel an ein Gymnasium danach noch realistisch ist. Ich verstehe nicht, warum es für Gymnasiallehrer*innen so unattraktiv gemacht wird an eine Gemeinschaftsschule zu wechseln. Warum Beamtensein so wenig flexibel ist und so wenig Raum bietet sich auszuprobieren oder zu verändern? Eine Zusage fühlt sich an als würde ich ein Blinddate am selben Tag heiraten müssen. Und ich habe doch immer gesagt, dass ich erst Beamtin sein will, wenn ich ein Haus gebaut habe. Ohne Haus, dafür mit viel Mut und Idealismus habe ich mich dann dafür entschieden die Stelle an dieser Schule – mit den vielen Möglichkeiten und Unsicherheiten, die sie mir bietet – anzunehmen. Wenn ich prinzipiell für diese Schulart bin, dann muss ich auch selbst den Schritt wagen an ihr zu unterrichten – auch wenn ich die Folgen nicht abschätzen kann. So stelle ich mich dem Unbekannten, der Herausforderung, dem Chaos und mit viel zu wenig Vorbereitung von Seiten meiner Ausbildung, was da auf mich zukommt. Aber warum auch nicht? Ich bin gespannt auf die Dinge die da kommen werden.

Nach der ersten Schulwoche stehe ich mit großen Augen vor der Vielfalt dieser Schule und bin froh ein Teil davon zu sein. Mit sieben unterschiedlichen Klassen und 150 verschiedenen Schüler*innen, die mich mit großen Augen anschauen (oder gelangweilt woandershin) und genauso wenig wie ich wissen, was da in diesem Schuljahr auf sie zukommt. Jeder Kurs so anders und speziell, dass ich mich sehr darüber freue ihn kennenzulernen und gespannt bin, was ich am Ende vom Schuljahr für Erfahrungen gemacht habe. Aber vor dem Ende ist das erst einmal ein Anfang … .

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Eingeordnet unter Arbeitskram, Schule

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